Presseartikel in der Süddeutschen Zeitung am 21.07.2011

Erst Volkseigentum, dann lange vergessen: Im Osten feilschen Bund und Länder um Hunderte Gewässer

Berlin Der Marmorkarpfen ist ein scheuer Genosse, er ist vielleicht auch nicht blöd, so genau weiß man das nicht. Er zeigt sein breites Kreuz jedenfalls nicht, zieht seine Kreise unter dem Ruderboot von Frank Plücken, irgendwo in dieser kaffeebraunen Brühe, die keinen Blick freigibt. Der Marmorkarpfen, sagt Frank Plücken, muss raus.

Ein Sommertag auf dem Caputher See, die Sonne scheint, es weht ein warmer Wind, und wer nicht so genau hinschaut, könnte meinen, in einem Gemälde unterwegs zu sein. Das hier ist die Havellandschaft und ein verschlafener kleiner See, er liegt hinter Caputh, einem Ort bei Potsdam. In Caputh hatte mal Albert Einstein sein Sommerhaus, er wusste schon warum, hier gibt es ein Schloss, das herausgeputzt ist, dazu zwei große Seen vor dem Dorf und einen kleinen, braunen dahinter. Ein Gewässer ist das, um dessen Preis jetzt gefeilscht wird.

Das Bundesfinanzministerium will den Caputher See zu Geld machen. Er ist einer von 156 Brandenburger Gewässern, die in der DDR volkseigen waren, nach der Wende an die Treuhand gingen und von der bundeseigenen Bodenverwertungsgesellschaft BVVG verkauft werden sollten. Mehr als die Hälfte der Brandenburger Seen hat seit der Wende schon den Besitzer gewechselt, sie gehören Kommunen, Fischern oder Landwirten, manchmal auch Herrschaften mit einem feinen Gespür für Geld.

Den Wandlitzsee bei Berlin zum Beispiel hat vor einigen Jahren ein findiger Anwalt aus Düsseldorf gekauft und dann festgestellt, dass der See im Lauf der Jahrzehnte kleiner geworden war, als in den Grundbüchern stand. Ein Uferstreifen war da entstanden, der ursprünglich zum See gehörte, also ihm, befand der Anwalt. Anrainer, die dort Stege hatten, sollten dem Seebesitzer den Grund abkaufen, von dem sie angenommen hatten, es sei längst ihrer. Das gab Ärger, zumal viele Brandenburger sowieso nicht verstehen, warum ein See verkauft wird, der doch allen zu gehören hat.

Auch die Landesregierung sah das lange so, sie hoffte, die Seen vom Bund geschenkt zu kriegen. Als daraus nichts wurde, machte der Bund Brandenburg ein Angebot, bekam aber keine Antwort. Es tat sich nichts. Seit 2009, seit dem Ärger am Wandlitzsee, hat das Land zudem einen Verkaufsstopp verhängt, will erst mal für jeden See einen „Steckbrief“ verfassen, also klären, wie Rechtslage und Zustand des Wassers sind. Das dauert – was den Marmorkarpfen freut. Frank Plücken legt sich auf dem Caputher See in die Riemen, die Dollen quietschen, er will jetzt mal vorführen, was passieren kann mit einem Gewässer, um das sich jahrzehntelang keiner schert. Plücken ist studierter Geograf und arbeitet im Landesumweltamt, er kümmert sich dort um geschützte Tierarten, aber mit seinem Engagement für den Caputher See hat das nichts zu tun. Plücken lebt hier mit seiner Familie und ist Umweltschützer, 2009 hat er mit Nachbarn einen Verein gegründet, der den Caputher See vor dem Umkippen retten will.

„Blaualgen“, sagt er und zeigt auf das trübe Wasser, das mit Nährstoffen überfüttert ist. In der DDR wurden die Grubenabfälle vieler Privathaushalte hier in Teichen verklappt, sie sind ins Grundwasser gesickert. Von dort sind sie in den See gewandert, haben sich auf dem Grund abgesetzt, und da liegen sie seither, eine dicke, braune Schicht aus Moder, aus der Gasblasen steigen.

In den 60er Jahren, erzählt Plücken, wurde hier den Marmorkarpfen ausgesetzt, ein Riesenvieh, das aus Asien kommt und dort zwei Meter lang werden kann. Sein Appetit ist enorm, entsprechend viel kommt hinten heraus. Das nährt die Blaualgen, „ein Perpetuum mobile“, sagt Plücken, der den Kreislauf stoppen will. Der Marmorkarpfen muss abgefischt werden, sagt er, der See braucht ein Sanierungskonzept. Mit dem Fischer muss verhandelt werden, Gutachten müssen her und Nutzungsregeln. Billig wird das nicht, und privat, sagt Plücken, „ist das nicht zu schultern“. Bleibt das Land, das seit Jahren zögert, Seen zu kaufen. Zuguckt. Steckbriefe verfasst.

Plücken hofft, dass bald Schluss ist mit der Ruhe. Mecklenburg-Vorpommern hat jetzt beschlossen, dem Bund seine Seen abzukaufen, für 1,86 Millionen Euro. Brandenburg besitzt fast viermal so viele Seen, sie könnten über sechs Millionen kosten. Man verhandle, intensiv, heißt es im Infrastrukturministerium in Potsdam, und dass das alles noch dauern kann. „Es gibt da keine Eile“, sagt ein Sprecher. Derzeit werde kein See an privat verkauft, also sei da kein Grund zur Sorge. „Die Seen plätschern vor sich hin, da passiert nichts.“ Der Marmorkarpfen hört’s und macht sich eilig davon.

Auf dem Grund liegt eine dicke Moderschicht, aus der Gasblasen aufsteigen.

Ein See, ein Idyll – und immer öfter eine Kloake: Immer mehr ostdeutsche Seen veralgen, weil sich niemand um sie kümmert. Sie gehören dem Bund, der würde sie gerne verkaufen. Die Länder wollen sie – allerdings nur geschenkt.

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